Antiromaistische Stimmung in Duisburg-Rheinhausen droht zu eskalieren!

„Nicht nur in Berlin, auch in Duisburg tobt momentan der deutsche Mob. Konkret richtet sich die Stimmung gegen die Bewohner_innen des Hauses In den Peschen 3-5, welches von den umliegenden Anwohner_innen und der Presse als vermeintliches “Problemhaus” bezeichnet wird.

Bereits im Winter letzten Jahres drohte die Stimmung zu kippen, als Unterschriften für eine zwangsweise Umsiedlung der im Haus lebenden zugezogenen Roma gesammelt und Flyer mit dem Titel “Raus mit den Zigeunern”, welche ebenfalls die Umsiedlung der Roma forderten, verteilt wurden. Beide Aktionen geschahen auf wesentliche Initiative von Hans-Wilhelm Halle und seiner Familie, wohnhaft auf der Beguinenstraße in unmittelbarer Nähe zur Straße In den Peschen. Sie beschwerten sich über Müll auf der Straße, Pöbeleien, Krach und Kriminalität.

Und tatsächlich ist die Situation des Hauses katastrophal. Die Wohnungen werden matratzen-weise von einem Zuhälter zu völlig überhöhten Preisen vermietet, die Miete wird monatlich von den Schläger_innenbanden des „Vermieters“ eingetrieben. In dem Haus, das für ca. 300 Personen ausgelegt ist, sollen über 1000 Menschen leben, der anfallende Müll kann von den viel zu wenigen Mülltonnen nicht gefasst werden. Die Bewohner_innen sind zwar “legal” zugezogen, da sie aus dem EU-Raum (hauptsächlich Bulgarien) kommen, dürfen jedoch nach deutscher Gesetzeslage bis 2014 kein offizielles Lohnarbeitsverhältnis eingehen. Die meisten Menschen dort leben in ärmlichen Verhältnissen, hinzu kommt die Angst vor den Schläger_innen des Vermieters und vor den rassistischen Anfeindungen der Anwohner_innen.

Es gibt also mehr als genug Gründe, über die Situation der Menschen des Hauses In den Peschen schockiert und empört zu sein. Aus antirassistischer, aber auch einfach aus menschlicher Perspektive sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Bewohner_innen so gut es geht zu unterstützen. Was Menschen wie die der Familie Halle tun, ist jedoch durch und durch rassistisch. Es werden die sozialen Verhältnisse, die die Bewohner_innen zwingen, in solchen Zuständen zu leben, kurzerhand kulturalisiert und auf den Roma zugeschriebene Charakterzüge projiziert. Hier vollzieht sich nun der rassistische bzw. konkret antiromaistische Zirkelschluss der Anwohnenden deutschen “Wutbürger_innen”: Dass viel Müll auf dem Gelände liegt, wird nicht etwa auf die viel näher liegende Tatsache zurückgeführt, dass zu wenig Mülltonnen für die viel zu hohe Anzahl an Bewohner_innen vorhanden sind, sondern es wird a priori behauptet, dass es zu dieser Situation kommen musste, weil Roma angeblich ihren Müll “immer” und “überall” rumliegen lassen. Anstatt die sozialen Verhältnisse zu kritisieren, wird die Situation vor Ort mit gängigen Stereotypen und Ressentiments gegenüber Roma begründet.

Im Februar gründete Silke Reichmann, aus Duisburg, eine Facebook-Seite, die seitdem als virtuelle Plattform für rassistische Hetze der Anwohner_innen genutzt wird, hier finden sich u.a. auch offene Aufrufe zu Mord, Brandstiftung und Körperverletzung. Die Hauptakteure sind jedoch keineswegs allesamt Neonazis, sondern größtenteils Menschen, die sich selbst als demokratisch und der “bürgerlichen Mitte” zugehörig empfinden, was mit dazu führt, dass die Aktionen bei der breiten Masse der Zivilgesellschaft auf überwiegend positive Resonanz stößt. Dies verschärft die Lage zunehmend und ermutigt die Rassist_innen, ihren Worten Taten folgen zu lassen: In der Nacht auf Samstag (17.08.) erschienen mehrere “Wutbürger_innen” vor dem Haus und bedrohten die Bewohner_innen mit Knüppeln und Messern, außerdem führten sie augenscheinlich Brandsätze mit sich.

Die Bewohner_innen leben derzeit in einem Klima der Angst, viele haben seit Tagen nicht mehr ruhig schlafen können. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Polizei und Lokal-politik weitestgehend tatenlos zuschauen, bspw. wird mit dem Verweis, dass die dafür zuständige Beamtin noch bis Mittwoch in Urlaub sei begründet, dass immer noch keine Polizeikräfte dauerhaft vor Ort sind. Außerdem können sich die reellen Brandstifter_innen der Unterstützung der umliegenden geistigen Brandstifter_innen gewiss sein, viele haben die Unterschriftenaktion unterzeichnet und beteiligen sich auch aktiv auf der Facebook-Seite, die lokale Presse bedient in ihren berichten ebenfalls die gängigen Ressentiments und zeigt mehr Verständnis für die rassistischen Anwohner_innen als für die bedrohten Roma.

Seit Samstag organisieren lokale Antirassistische Strukturen zusammen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und den wenigen Anwohner_innen, die sich mit den Roma solidarisch erklären, gemeinsame Nachtwachen vor dem Haus, um die Bewohner_innen zu unterstützen und weiteren Übergriffen vorzubeugen. Viele haben schon seit längerem die Befürchtung, dass sich ein Szenario wie in 1992 in Rostock-Lichtenhagen abspielen könnte. Und die Parallelen sind frappierend: Ähnlich wie in Rostock formiert sich in Rheinhausen ein Mob, der die Umsiedlung der Roma fordert und wenn dies nicht mehr ausreicht, gewillt ist zu drastischeren Mitteln zu greifen. Es wurde bereits angekündigt, dass wenn Staat und Polizei die Situation nicht entschärfen, man die Lösung “selbst in die Hand nehmen” würde. Mittlerweile springen auch rechtspopulistische Parteien auf das Thema an und versuchen die Lage in Rheinhausen für sich zu instrumentalisieren. Nach einer Pro-NRW-Kundgebung im März diesen Jahres, hat “Pro Deutschland” für den 29.08. eine Kundgebung in unmittelbarer Nähe zum Haus angekündigt.

Hier wird allerdings die Problemlage völlig verdreht. Die Schuld, sowohl an der misslichen Lage des Hauses wie auch an der Eskalation, tragen keineswegs die Roma, welche aufgrund von Armut und Verfolgung nach Deutschland geflüchtet sind, sondern einzig und allein die sogenannte “bürgerliche Mitte” allgemein und konkret die rassistischen Anwohner_innen in Duisburg-Rheinhausen, welche sich wider besseren Wissens (bereits Ende letzten Jahres wurden sie durch einen im Umfeld verteilten Flyer auf diese Aspekte hingewiesen) sich in antiromaistischen Ressentiments und Deutschtümelei ergehen. Anstatt praktische Solidarität zu üben und sich mit den Roma gemeinsam für eine Verbesserung der Situation im Stadtteil einzusetzen, werden die Roma als Fremdkörper in der “deutschen Volksgemeinschaft” betrachtet, welche die alleinige Schuld an den dortigen Zuständen im Viertel tragen.

Wir wollen praktisch verhindern, dass die Bildung des deutschen Wutmobs in Duisburg ähnliche Folgen wie damals in Rostock, Solingen oder Mölln nach sich zieht. Weiterhin muss den geistigen und tatsächlichen Brandstifter_innen aufgezeigt werden, dass ihr Handeln Konsequenzen hat und, auch wenn es von den Anwohner_innen befürwortet wird, auf Gegenwind stößt.

Solidarisiert euch mit den Bewohner_innen des Hauses, kommt abends zu den Mahnwachen In den Peschen 3-5, mobilisiert euren Freund_innenkreis, schafft eine antirassistischen Gegenöffentlichkeit zu den desolaten Berichten der bürgerlichen Medien. Setzt ein Zeichen, dass Rassismus nicht unbeantwortet bleibt! Keine “Pro Deutschland”-Kundgebung am 29. August!“ – http://emadu.noblogs.org/post/2013/08/22/antiromaistische-stimmung-in-duisburg-rheinhausen-droht-zu-eskalieren/